GPA Gespräch mit Prof. Dr. med. Stefan Willich Charite

Im Rahmen des Formates des GPA „60 Minuten mit…“ hat, unter Moderation des Vorsitzende Herrn Dr. med. dent. Höschel, ein aufschlussreiches Gespräch mit Herrn Prof. Dr. med. Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charite, Berlin stattgefunden.

Prof. Dr. med. Willich, einer der führenden Epidemiologen und Sozialmediziner in Deutschland, hat unter Beteiligung von 60 Mitgliedern und Gästen ungeschönt die aktuelle Lage aus fachlicher Sicht geschildert. 

 Er  hat dabei insbesondere folgende Aspekte in den Vordergrund  gestellt, die bei der Bewertung der aktuellen Pandemiepolitik von Relevanz sind -  aber natürlich auch für zukünftiges Handeln der Politiker von großer Bedeutung sein wird.

Zunächst hat Prof. Willich kritisch angemerkt, dass die politischen Akteure sich sehr einseitig von Experten beraten lassen, die nicht mit Weitwinkel die Lage beurteilen, sondern sehr verengt den Blick vornehmlich auf mathematische Modelle richten und damit weite Teile der sozialen Realität ausblendeten. 

Herr Prof. Willich rät den Politikern nachdrücklich auf  sozialmedizinische, epidemiologische, soziologische und ökonomische Kompetenz zurückzugreifen, die bisher, zum Nachteil für die Qualität der Krisenbewältigung, weitgehend ausgeblendet wurde.

Zum anderen weist er darauf hin, dass die jetzt noch nicht vollständig überschaubaren, aus seiner Sicht dramatischen Kollateralschäden in vielen Bereichen der Gesellschaft, erst in Jahren und in Jahrzehnten deutlich werden, vermutlich erst dann, wenn die jetzt Handelnden nicht mehr in der Verantwortung stehen. 

Diese Schäden beziehen sich neben den ökonomischen und wirtschaftlichen Schäden, die unseren Mittelstand insbesondere betreffen, auf die Lage der Kinder, die Lage der sozial Benachteiligten und vieler anderer sozialer Gruppen, die einen sehr hohen sozialen, ökonomischen und gesundheitlichen  Preis zahlen werden. 

Hinzu tritt, dass sehr viele andere Erkrankungen das Gesundheitssystem, aus diversen Gründen, pandemiebedingt nicht erreichen. 

Die Summe der Kollateralschäden wird systematisch ignoriert, nicht erfasst, auch als Folge mangelhafter interdisziplinärer Kompetenz im Beratungsprozess.

Er fordert grundsätzlich eine Neuausrichtung der Gesundheitspolitik und rät insbesondere der CDU, in den programmatischen Aussagen und in der Vorbereitung der nächsten Wahlen auf Bundes- als auch Landesebene, sehr viel stärker auf Prävention und Vorsorge zu setzen. 

Herr Prof. Willich weißt darauf hin, dass sich die Bemühungen um und Investitionen in Vorsorge und Prävention erst mittel- und langfristig auswirken werden und dass dies einen Politikertyp erfordert, der die dafür notwendige Weitsicht mitbringt. 

Er hält dies deshalb für dringend erforderlich, weil Krisen dieser Art mindestens jedes Jahrzehnt auf uns zukommen und wir nicht wieder vor den gleichen Dilemmata stehen wollen. 

Herr Prof. Willich plädiert nachdrücklich dafür, die Anreize im Gesundheitssystem so auszurichten, dass sowohl Ärzte, andere Fachberufe als auch die Krankenkassen es für rational erachten, langfristig zu denken und langfristig zu handeln. Insbesondere die Krankenkassen haben sich in den letzten Jahrzehnten zu Unternehmen entwickelt, die in sehr kurzen Zeiträumen zu denken gelernt haben.

In Bezug auf die Mutanten rät Herr Prof. Willich zur Ruhe und plädiert gegen Hysterie. 

Natürlich haben die Mutanten spezifische Eigenschaften, sie können sich evtl. schneller verbreiten bzw. auch neue soziale Gruppierungen stärker befallen, aber 1. sind Mutanten in jeder Pandemie zu erwarten und 2. werden die Impfstoffe sehr leicht nachzujustieren sein.

Die aktuelle Dramatisierung in der öffentlichen Diskussion bezüglich der Gefahren der Mutanten, hält er aus fachlicher Sicht für nicht angemessen.

Besonders bedauerlich sei ein starker Vertrauensverlust, den politischen Entscheidern gegenüber, der seinen Grund in der Art der Kommunikation mit den Bürger habe.

Herr Prof. Willich plädiert nachhaltig dafür, die individuelle Verantwortung und die Kompetenz des Einzelnen in den Vordergrund zu stellen.